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Dolce vita in Venezia - Fin de siècle à Venise



Spielcasinos, ein halbes Jahr Karneval und über 10.000 käufliche Damen schufen eine Atmosphäre der Dekadenz, welche im 18. Jahrhundert die vergnügungssüchtige Aristokratie Europas erotisch anzog - im wörtlichen Sinne. Die verarmte einstige Handelsmetropole Europas hatte sich so als Vergnügungszentrum des Ancien Regime neu etabliert.

Auf der Suche nach einem neuen "Geschäftsmodell" verwandelte sich so die einstige Großmacht Venedig im Settecento zu einer Vergnügungsmetropole für Adel und aufstrebendes Bürgertum Europas. Schließlich konnte man in der Lagune neben einer einmaligen architektonischen Kulisse auch noch die entsprechend frivole Atmosphäre anbieten, wie sie weder im protestantischen noch katholischen Europa sonst denkbar war.


Um die Überschrift hier auch sauber abzuklären: Wir verwenden hier "dolce vita" im gebräuchlichen deutschen Wortsinne für die Endphase der Dogenrepublik und NICHT im italienischen Sprachgebrauch, wo nämlich dolce vita eher für die gute Nachkriegszeit der 1950er-Jahre steht.

Bei dieser Führung reden wir über Hasardeure, Huren und Kurtisanen, die sich zusammen mit der High Society Europas damals in Venedig ein regelmäßiges Stelldichein gaben. Schon um 1600 war endgültig klar geworden, das die einst das Mittelmeer kontrollierende Seemacht gegenüber erstarkenden Seefahrernationen wie Portugal, Spanien oder Holland zu einem Kleinstaat abgestiegen war. Die Serenissima brauchte also neue Geldquellen. Um 1700 herum war endlich das neue Geschäftsmodell gefunden und führte zu einer letzten neuen Blüte:

Aus Handelskontoren wurden Bordelle, aus verarmte Patriziern wurden Croupiers in Spielcasinos und der Karneval wurde mit winzigen Unterbrechungen vom Oktober bis in den Frühsommer hinein gefeiert. Das Geld brachte jetzt nicht mehr der Fernhandel, sondern der Adel Europas. Venedig mauserte sich jetzt zum Las Vegas des Ancien Regime im alten Europa. In einer dekadenten Stimmung feierte die untergehende Republik im 18. Jahrhundert ihr "Fin de siècle à Venise", das dann schließlich von Napoleon 1797 fast termingerecht beendet wurde.

Die Urenkel früherer Handelsherren waren zu Betreibern von Spielsalons, Opernhäusern und Theatern geworden. Die fantasieloseren unter ihnen entwickelten sich innerhalb weniger Generationen von risikofreudigen Handelsherren zu behäbigen Großgrundbesitzern auf der Terra ferma, dem Festland gegenüber. Nur - sieht es heute bei uns so viel anders aus, wo oft der "richtige" Immobilienbesitz über den Status in der Gesellschaft entscheidet?


Insbesondere der Karneval veneziana bot jede Menge an Vergnügungspotenzial. Um an gut betuchten, sprich reichen Besuchern auch wirklich gut zu verdienen, dehnte Venedig wie keine andere Stadt Europas den Karneval auf fast ein halbes Jahr aus, vom Herbst bis nach Ostern. Der Venedigbesucher Goethe beschrieb die Anteilnahme der Venezianer am Karneval als "ein Fest, das dem Volk nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt." Der Karneval Venedigs erschien dem Freiherrn Goethe "als Zeichen, daß jeder so töricht und toll sein dürfe, als er wolle."
Glücksspiel und zwar mit hohen Geldeinsätzen war im alten Venedig mindestens genauso selbstverständlich wie heute Golf oder Karten spielen. Und es galt überhaupt nicht als unehrenhaft, dabei vielleicht das gesamte Familienvermögen zu verspielen; ein berühmtes Gemälde zeigt ein junges Paar, das gerade seine ganze Erbschaft verspielt hat. In einem Art Sozialprogramm wurden solcher Art verarmte adelige Männer als Croupiers in den Casinos beschäftigt - samt lebenslangem Spielverbot.



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Das Wort „Casino“ bedeutet eigentlich nur „kleines Haus“ (auch Gartenhaus). In einem Casino wurde u.a. dem Glücksspiel gefrönt. Der damals noch nicht berühmte Giacomo Casanova wohnte zeitweise in einem von ihm gemieteten bzw. in einem von seinem Gönner ihm überlassenen Casino. Schauen wir bei dieser Führung, wo.

Viel bedeutender als die Casini waren jedoch im dicht bebauten venezianischen Zentrum von San Marco die sogenannten ridotti. Ein "Ridotto" - wörtlich Palazzo reduto - war also ein "reduziertes", noch kleineres Häuschen. Davon gab es einst bis zu einhundert, wo man sich zu allen möglichen Lustbarkeiten in San Marco traf.

Bei all dem Vergnügen soll aber auch auf die dunkle Seite der Serenissima in ihrer Endphase hingewiesen werden: So hatte sich die venezianische Republik zu einem Polizeistaat entwickelt, nicht unähnlich viele anderen Staaten Europas, wo absolutistische Herrscher quasi wie Diktatoren herrschten. Nur dass es in Venedig nicht etwa der weitgehend entmachtete Doge gewesen wäre, sondern ein staatliches Gremium, der "Rat der Zehn". So hatte man in der Republik Venedig des Mittelalters nach einem verhinderten Staatsstreich eine staatliche Inquisition installiert. Deren Macht wuchs dann immer mehr, als man in späteren Jahrhunderten fürchtete, Agenten ausländischer Großmächte könnten im Bündnis mit untreu gewordenen venezianischen Söldnern den geschrumpften venzianischen Kleinstaat von innen handstreichartig übernehmen. Der "Rat der Zehn" agierte quasi als Stasi der Republik Venedig und unterhielt dafür ein umfangreiches Netz an Spitzeln unter der eigenen Bevölkerung mit zahllosen "inoffiziellen Mitarbeitern".
BILD GEMÄLDE VOM RAT DER ZEHN (Gabriele Bella) ODER AUCH DER LANGE STRICK
Ironischerweise verdingte sich auch ein späteres
Opfer dieser Staatsinquisition namens Giacomo Casanova zeitweise als ein solcher Spitzel als er gerade wieder mal Geld brauchte - meist wegen seiner Spielleidenschaft - und lauschte den Gesprächen in Salons, Casini und Ridotti, ob sich irgendetwas um politische Themen drehen könnte und wo denn persönliche Laster, Vorlieben und Schwachpunkte einzelner Promis erkennbar wurden. Nicht nur Stasi-, Gestapo- und KGB-Leute hätten sicherlich beim Studium der Akten des "Rates der Zehn" heute ihre reine Freude - denn diese sind weitgehend erhalten!


Das Venedig Casanovas war also im 18. Jahrhundert tatsächlich so extrem wie das Leben des legendären Verführers selbst, der allerdings über viel mehr an Talenten und Fertigkeiten verfügte, als uns die frühen reißerisch-erotischen Übersetzungen ins Deutsche weiß machen wollen. Der 1725 in Venedig geborene Casanova ist vielmehr ein unbefangener und ehrlicher Zeuge dieses 18. Jahrhunderts. In seinen Memoiren gibt er eine recht lebensnahe Beschreibung der Zustände in einer Stadt, wo reicher und verarmter Adel gemeinsam mit der unteren Klasse sorglos dem Untergang entgegen feierten, großzügig finanziert von den Reichen des übrigen Europa. Casanova wurde wegen seiner losen Zunge zwei Mal inhaftiert, konnte aber auch zwei Mal ins Exil fliehen. Der vielseitig talentierte Sohn eines Schauspielerpaares kam von unten, verdiente zeitweise sein Geld im Vergnügungsbetrieb, rettete einem hochrangigen Patrizier und Senatsmitglied das Leben und konnte so mit dem Geld seines Gönners am recht freizügigen Lotterleben dieser schillernden Epoche Venedigs teilnehmen. Ein Glückspilz, würde man heute sagen, aber das setzte er auch mit viel Geschick, Intelligenz und Bildung um.

Bei dieser Führung klären wir auch, warum gerade im damaligen Venedig viele Nonnen in Frauenklöstern einem Liebesleben frönen konnten und sogar in gewisser Weise mit der gigantischen gewerblichen Prostitution konkurrierten. Schließlich hatten die Novizinnen ja nur Ehelosigkeit gelobt, aber nicht unbedingt Keuschheit. Und wir reden darüber, warum Casanova gerne auf ihre Liebesdienste zurückgriff. Denn Nonnen hatten für ihn den enormen Vorteil, dass er ihnen keine Ehe in Aussicht stellen musste, um sie ins Bett zu bekommen. Sich hingegen an adeligen Damen als Womenizer zu versuchen, war für einen Mann aus der unteren Klasse - wie Casanova - damals ähnlich gefährlich wie sich an verheirateten Frauen zu vergreifen. Da konnte nicht nur schnell ein Duell drohen. Beim einzigen Duell seines Lebens per Pistolen - tatsächlich mit (oder eher gegen) einem Adeligen ging es natürlich um eine schöne Frau. Dabei werden beide, Casanova und sein Gegner, schwer verletzt, aber mit Glück überleben beide und das sogar ohne eine bleibende Behinderung.

Wir wissen das alles einigermaßen genau, da nicht nur Casanova sehr viel aus seinem Leben aufgeschrieben hat, sondern auch viele seiner Gesprächspartner in ganz Europa. Und anders als bei vielen anderen damaligen Selbstdarstellern - Casanova war zweifellos ein solcher - konnten ihm die Historiker keine größeren Fake News nachweisen. Bei "Kleinigkeiten" seiner Biografie wie z.B. den näheren Umständen seiner sensationellen Flucht aus den Bleikammern des Dogenpalastes spricht allerdings vieles gegen seine Darstellung - inklusive der simplen Wahrscheinlichkeit. Allein die Tatsache, dass er als einziger Gefangener jemals aus den Dachkammern des Dogenpalastes ausbüchsen konnte, sollte ausreichen, um ihn in ganz Europa"weltberühmt" zu machen. Wie es vielleicht bei seiner Flucht etwas anders und viel einfacher zugegangen sein könnte als in Casanovas dramatischer Darstellung, darüber reden wir bei dieser Führung.

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Auch bei dieser Tour erfahren Sie viel an weniger bekannten Geschichten aus der Historie Venedigs.

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